31/1 Haiti ist weit weg 
Haiti ist weit weg. Was die Menschen dort erlebt haben, ist schrecklich. Die, die überlebt haben. Unvorstellbar das Leid, das Elend. Erinnerungen an vergangene Katastrophen werden wach. Tsunami, oder nine eleven. Bloss, vergleichen kann man diese Dinge natürlich nicht. Jede Katastrophe ist individuell, anders. Die einen von Menschen verursacht, die andern von der Natur. Ja, so ist das. «Ich habe diesmal gespendet. Viel gespendet. So, wie letztes Mal, und vorletztes Mal, ausser dort, bei diesem Erdbeben im Iran, oder war‘s die Türkei, ich weiss nicht mehr wo das war, ist ja auch egal, ich kann ja nicht überall; – was meinst du? Ja, es ist ein Elend überall auf dieser Welt, aber da kann man nichts machen, ausser helfen, wenn‘s wieder mal soweit ist. Und überhaupt, die Politiker, die sollen doch endlich mal was tun. Nägel mit Köpfen zum Beispiel. Nicht nur blablabla und dann frisch und munter…Was sagst du, was…? Haiti ist weit weg? Gottseidank, stell dir mal vor, die stünden alle an unseren Grenzen und wollten…hä, du hast es selbst gesagt, dafür sind andere zuständig, die dort, wie heisst doch mal das Nachbarland dort, Santo… Santo, ist egal, lassen wir das. Ist doch immer dasselbe, seit Jahren. Seit ich mich erinnern kann. Ich jedenfalls habe gespendet. Ich kann nichts machen, Haiti ist weit weg.» 08/1 Gestiefelt|
Kategorie:
Geld
Von
Sarah_Moser
um
04:40 |
Unlängst befand ich mich auf Stiefelpirsch. Die Stiefel meiner Tochter waren kaputt. Der Schuhmacher schüttelte den Kopf, als ich ihm das demolierte Paar entgegenstreckte und sagte bloss: «Tut mir leid, das ist nix mehr zu machen, beim besten Willen nicht». Mitfühlend schaute er erst auf die Stiefel, dann auf mich. Nix zu machen, Scheissstiefel. Billigware. Aber meine Tochter bringt immer wieder das fertig, was andere auch mutwillig kaum zustande kriegen. Ob mit oder ohne Reissverschluss, billig, günstig, Qualitätsware oder Schund. Im ersten Geschäft fand ich ein Paar Stiefel, das, sagen wir von 99 Fränkli auf 49 und dann gleich nochmals auf 25 heruntergesetzt war. Als ich das Paar sah, erst noch das einzige in Schuhgrösse 40, die Grösse die meine Tochter trägt, jauchzte mein geplagtes Mutterherz. Mir wurde warm und wohlig beim Gedanken, dass nun vielleicht die Stiefelsuche bereits zu Ende war und dass die 25 Franken in diesem Fall das Budget nun wirklich kaum belasten würden. Wildlederstiefel mit guter Sohle, dennoch schnittig anzusehen, ach, was träum ich denn daher. Das Problem war, dass die Tochter, die die Schuhe probieren sollte zu Hause war. Und ich mit ihrem Bruder unterwegs, dessen Stiefel vom Vorjahr nicht mehr passten und der ebenfalls neue brauchte. Wir waren heuer spät dran und etliche Modelle bereits ausverkauft. Natürlich gefielen ihr die Stiefel nicht, als sie endlich im Schuhladen ankam, in dem ich seit beinahe einer Stunde herum tigerte. Was soll ich sagen? Nach ein Paar aufreibenden Abenden in der Stadt und vielen, vielen Schuhläden haben wir Stiefel gefunden, die zwar nicht grad doppelt so teuer waren, wie das heruntergesetzte Paar, aber doch teurer. Eins, das meiner Tochter gefällt. Und ich hoffe eins, das nicht nach ein paar Wochen kaputt geht. 14/12 Bezahlbar wohnen in der Stadt|
Kategorie:
Politik
Von
Sarah_Moser
um
23:25 |

Bezahlbar wohnen ist ein Anliegen, das viele Familien, Alleinstehende und man will es nicht glauben, ältere, ja alte Menschen haben, weil sie direkt davon betroffen sind.
Wie vielen ist es so ergangen und ergeht es heute wie uns, die wir vor genau drei Jahren umgezogen sind? Umgezogen, weil unsere Siedlung Neubauten weichen musste. Unsere neue Wohnung ist nicht gerade dreimal so gross wie die Alte, aber dreimal so teuer. Unsere Lebensqualität hat sich räumlich verbessert sich aber verschlechtert, weil die Lebensunterhalt–Kosten gestiegen sind. Vom Stress, den Sorgen, Ängsten, schlaflosen Nächten, einem zerrissenen Beziehungsnetz – alles Auswirkungen unter denen alle zu leiden haben, die ihre Wohnungen zwangläufig verlassen müssen, davon haben Betroffene aus verschiedenen Quartieren an der heutigen Kundgebung auf dem Rathausplatz eindrücklich berichtet. Berührend war das Votum der 83 Jahre alten Frau Bader die mit ihrem Mann ein halbes Jahrhundert im Quartier wohnt und die nun aus ihrer Wohnung im Escherpark in der Enge ausziehen müssen. Es ist zu hoffen, dass diesem kapitalistischen Wahnsinn endlich Einhalt geboten wird. Und dass Hausbesitzer durch einsichtiges (Ver)Handeln verhindern, dass aus friedfertigen Mietern kampfbereite Hausbesetzer werden. Damit ist bestimmt niemandem gedient. 07/12 C, C & Yogitee 
Auch wir haben Rituale. Wie jedes Jahr werden zur Adventszeit Dinge hervorgekramt, die während des Jahres unserer Erinnerung entschwunden sind. Von Country wechsle ich jetzt wieder vermehrt zu Classics. Oder zu «Flute Music of the Andes» und zu Andrew Bonds «Mitsing Wienacht». Aber wenn ich ehrlich bin, war ich letztes Jahr die Einzige, die «S grööschte Gschänk» noch singen wollte.
So trotze ich Regen, streitlustigen Teenagern, unbezahlten Rechnungen, tagelangem Kopfweh mit Vivaldis «Quattro Stagioni», Kerzenlicht, Franz Hohlers «Vom richtigen Gebrauch der Zeit», Kaffee, Schwarz–, Grün– und Yogitee. Und dort, im Schächtelchen, wo sich unten auf dem Boden der letzte Beutel Tee versteckt, finde ich folgenden Rat:
Selbstvertrauen
Manchmal finden wir uns abhängig von Lob und Akzeptanz anderer Menschen. Es gibt eine einfache Affirmation, mit der wir zu unserer Stärke zurückfinden können:
Drücke mit dem Daumen jeder Hand auf den Ballen unterhalb der Basis des kleinen Fingers und schliesse die Finger um den Daumen zur Faust. Sprich zu dir selbst bevor du jemandem begegnest: «Ich bin gesund, ich bin glücklich, ich bin toll.»
Bitte fragen sie ihren Arzt, ob diese Übung für Sie geeignet ist.
Soll ich? Den letzten Beutel nehmen, heisses Wasser aufsetzen oder besser die Übung machen? Nee, für heute ist genug, ein andermal, mit C, C & Yogitee. 26/11 Wiehnachtswunsch
Wiä häissed‘s all: Nintendo, PSP und Wii.
Netbook, Laptop isch’s das
scho gsii? Natel, Mario, Avatar Buäch drüü, klar?
Und ächli Zfridähäit, Fröid, Liebi, Guetsli und Tee.
Das wünsch ich mir und nochli mee.
20/11 Gewagt und gewonnen
Kann ich eine ganz normale Frau sein, die das Leben liebt, die Menschen rundherum, ihre Kinder? Die vielleicht ein paar Probleme hat, auch finanzielle, aber nicht immer nur in die Ecke der Verlierer und Unfähigen gestellt wird? Die letzten Monate verbrachte ich unzählige Stunden damit, Taktiken und Möglichkeiten ausfindig zu machen, die mir helfen sollten, meine Erschöpfungssymptome zu reduzieren. Stundenlange Velofahrten entlang der Limmat etwa, die mir die Kraft gaben, nach Hause zurück zu kehren um all das zu erledigen, was auf mich wartete. Über Umwege habe ich Qi Gong kennengelernt (nicht Fahrradumwege). Mit meinem letzen Geld, das ich für Notfälle und Geschenke zur Seite gelegt hatte, meldete ich mich für einen Qi Gong Workshop an. Unbezahlbar teuer. Niemand wusste dort, wer ich bin, was ich tue. Ich war einfach eine ganz normale Frau, die die Rechnung für den Workshop rechtzeitig bezahlt hat und nun da und bereit war, für dieses Geld etwas zu lernen. Nichts von Armut oder Reichtum, das war einfach nicht das Thema. Für mich war diese Erfahrung Medizin. Ich bin noch nicht an dem Punkt an dem ich sagen kann: «Alles ist gut. Aber ich habe gewagt und ich habe gewonnen. Sehr viel sogar».13/8 Kinder, Eltern und andere|
Kategorie:
Politik
Von
Sarah_Moser
um
12:16 |
Schreiben über Glück oder Unglück des Eltern- und Kindseins muss ich nicht, denn das hat Roger de Weck bereits getan. In seinem Artikel in der Sonntags-Zeitung vom 2.August, hat er das Wichtigste gesagt. Ich zitiere: «Die Familie gedeiht aber, wenn sie den Interessen der Eltern so sehr Rechnung trägt wie jenen der Kinder. Unglückliche Eltern sind für Kinder ein Unglück. Und glückliche Kinder machen zwar das Glück der Eltern aus – aber nicht das ganze.»
Weiter: (dafür bin ich Ihnen sehr dankbar Herr de Weck)«Kinder haben ist weder Behinderung noch ein Akt der Solidarität oder ein Opfer für die Gesellschaft, noch ein Beitrag zu Altersvorsorge, noch ein Unter- oder Oberschichtphänomen, noch ein Mittel zur Zementierung von Beziehungen, noch Lifestyle.» PUNKT. Weiter schreibt er:
In erster Linie ist Kinder haben ein Ausdruck von Liebe und Lebensfreude und von der Freude, Liebe und Leben weiterzugeben. Kein Mensch soll begründen müssen, dass und weshalb und wann er Kinder will. Auch keine Deutschschweizerin. Auch kein Chefredaktor und keine Managerin.»
Dem möchte ich beifügen: «Auch keine Sozialhilfe-Empfängerin, Working Poor, kein Arbeitsloser oder sonst jemand.» 05/7 Live in Joy
Keine einzige CD, Video oder DVD, hätte man in meiner lose zusammen gewürfelten Musik–Sammlung finden können. Bis vor ein paar Tagen. Doch, eine Musik-Kassette besass ich, erinnere mich aber nicht mehr, ob das ein Original oder eine kopierte Version war. Ende der 80er Jahre als ich in Pariser Vorort-Ghettos lebte, in sozusagen sturmfreier (Bruch)Bude, tanzte ich stundenlang alleine zu Billie Jean. Versuchte dabei, aufkeimende Hungergefühle zu verdrängen. Hunger hatten wir alle, die wir in den Sans-Papiers Ghettos lebten. Hunger – die Schwester, der Bruder die an unserer Seite manchen Tag verbrachten, an welchem wir nicht wussten, woher unsere nächste Mahlzeit kommen würde. Ich war freiwillig da, mehr oder weniger – die andern nicht.
Diese und andere Erinnerungen sind jetzt wieder präsent. Wie zum Beispiel Samira, die damals siebenjährige Tochter einer Freundin, mit Walkman und Knopf im Ohr, mir ihre Tanzkünste zu Michaels neusten Stücken vorführte.
Ja, ich bekenne: Auch mich hat diese kollektive Trauer über den Tod von Michael Jackson erfasst. Selten hat mich der Tod einer bekannten Persönlichkeit in dieser Weise berührt. Das letzte Mal wohl, als Prinzessin Diana tödlich verunfallte und Mutter Theresa starb.
Michael Jackson antwortete im umstrittenen Interview mit Martin Bashir auf dessen Frage, ob er auch in einem solchen Sarg wie dem des Tutanchamun begraben werden wolle:
« I dont ever want to be buried. I would like to live forever!»
Das wird er. Nicht nur durch seine Musik, aber vor allem durch die Inspiration, die er durch sie weitergegeben hat.
«Live forever in Joy Michael, where so ever your journey leads you! Inspiration and Joy cannot be buried!» 06/6 Ganz oder ein bisschen 
Als ich mich entschloss, Mutter zu werden, habe ich das ganz getan. Nicht ein bisschen oder nur teilweise, nein ganz. Mit allen Unsicherheiten, Ängsten aber vor allem mit Engagement und Riesenfreude. Es geht nicht «einfach ein bisschen Mutter oder Kind sein». Wir sind es ganz, wenn sich unsere sozialen Identitäten auch nicht ausschliesslich und exklusiv darauf beziehen. Was das in aller Konsequenz für mich, aber auch meine Kinder bedeuten würde, wusste niemand.
Wenn irgendwo ein Haus brennt, kommt die Feuerwehr, um den Brand zu löschen. Mit der nötigen Ausrüstung und dem Wissen, wie vorzugehen ist, treffen sie dennoch jedesmal auf andere Umstände. In jedem Fall ist ihr voller Einsatz gefordert, es geht nicht «einfach ein bisschen Feuerwehrmann- oder Frau zu sein». Was das in aller Konsequenz für die jeweiligen Einsatzkräfte bedeutet, weiss niemand.
Manche bezahlen dabei gar mit ihrem Leben, wie das beim Brand des Zunfthauses zur Zimmerleuten in Zürich der Fall war.
Und wie ist es mit anderen Positionen, Rollen die wir einnehmen, besetzen, spielen?
Was ist unser Einsatz als Blumenverkäufer, Ärztin, Baustellenleiter, Frisöse, Strassenreiniger, Anwalt, Professorin, Putzfrau, Vater, Partnerin, Geliebter, Freundin, Nachbarin, Schwester, Bruder, Arbeitskollege, Tochter, Sohn, Mann oder Frau?
Was ist der Einsatz? Ganz oder ein bisschen? 21/5 Es geht auch andersEs ist klar: so wie es jetzt läuft, soll es nicht weitergehen. Das jedenfalls, sage ich mir wieder und wieder. Das sage ich auch des Öfteren zu meinen Kindern. Irgendwie sind die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten. Es geht nicht an, dass dauernd herumgeschrieen oder gestritten wird. Die Ämtli halbbatzig, zu spät oder gar nicht erledigt werden. Gar nicht? Na, ja. Fast alles in unserem Alltag scheint sich darum zu drehen. Wer was wann wo zu erledigen hat (endlich), wer schon wieder was nicht gemacht (zum 100. Mal) und wer was wann machen wird (hoffentlich). Wer am ungerechtesten behandelt, die oder der Ärmste ist oder wer sonst irgendwie zu kurz kommt. Was spassig und locker, ja geradezu banal tönt, ist bitterer Ernst: Die Freude ist uns allen längst vergangen, es geht nur noch darum, sich so gut wie möglich durch das Trauma hindurch zu mogeln. Wiederholung, und nochmals das Selbe. Trotzdem, ich bin überzeugt: Es geht auch anders. Bloss wie? | |